Nina Kossak
Zanskar ist ein entlegenes Hochtal mitten im indischen Himalaya. Von Leh, der Hauptstadt Ladakhs, sind es ein paar hundert Kilometer und zwei Tagesreisen mit dem Jeep, um dorthin zu gelangen. Holprig die Straßen, die nur für kurze Zeit im Sommer passierbar sind. Den Rest des Jahres gelangt kaum ein Reisender in die Region, die auf über 4000m Höhe liegt.
Als ich mich im letzten Sommer auf den Weg dorthin gemacht habe, sind Kälte und Eis jedoch noch weit entfernt. Die Menschen, denen ich begegne, haben alle Hände voll zu tun: in den paar Monaten, die ihnen bleiben, müssen sie ihre Felder bestellen und die Ernte aus Gerste, Weizen und Erbsen einholen, um die Nahrung für den langen Winter zu sichern.
In Yulsum, einem kleinen Dorf, werde ich die kommenden Wochen an einer Schule verbringen, um dort den Kindern Englisch beizubringen. Die Aufgabe ist auch für mich eine neue Herausforderung, denn gelernt habe ich etwas ganz anderes. Als Angestellte in einem Dortmunder Bioladen habe ich mich bisher eher mit EAN-Codes und der Beratung der Kunden auseinandergesetzt als mit Vokabeltraining und englischer Grammatik.
Doch als ich von der deutschen „Athenstaedt-Stiftung“ erfahren habe, die sich dort engagiert, war meine Neugier geweckt, und so stand mein Entschluss, für eine Weile dort zu leben und zu arbeiten, sehr schnell fest.
Die gemeinnützige Organisation aus Bremen hilft den Schülern der SECPAD-Schule (Social Education Cultural Preservation and Developement) seit vielen Jahren, stellt den Kontakt zu Pateneltern her, die für das Schulgeld der Kinder aufkommen, bezahlt die Lehrer und das Schulmaterial. Auch das Gebäude, zu dem noch ein angeschlossenes Internat gehört, wird durch Spendengelder aus Deutschland finanziert.
Schon am ersten Tag nimmt mich das freudige Rufen und Lachen der Kinder ein. Für sie erscheine ich mit meiner blassen Haut und fremden Sprache irgendwie exotisch. Neugierig folgen mir einige von ihnen, beobachten mein Tun genau.
Doch das Unterrichten fällt mir manchmal schwer. Die Englischkenntnisse der Zanskaris sind oftmals schlecht, und auch die kulturellen Unterschiede machen sich bemerkbar. Wenn ich so gar nicht weiterweiß, hilft oft ein Spiel: Memory oder „Ich sehe was, das Du nicht siehst“. Die Kinder lernen die Vokabeln der Bilder auf den Karten oder des gesuchten Gegenstandes, und bringen mir im Gegenzug den ladakhischen Begriff bei. Und mit soviel Spaß geht vieles leichter.
Nach dem Unterricht gehen wir gemeinsam in den Speiseraum des Internates. Von den 152 Schülern, die die Schule besuchen, wohnen hier etwa 45, deren Familien in weiter entlegeneren Dörfern leben. Auch ich habe hier ein kleines Zimmer. Und so kann ich den ganzen Tag mit den Kindern zusammen sein, bin beim Morgen- und Abendgebet, der Puja, dabei und finde oft noch etwas Zeit, um nach der Schule zusammen zu spielen oder mit einer kleinen Gruppe ein Theaterstück zu proben. Manchmal kochen wir gemeinsam, ich lerne, was „momos“ (eine Art tibetischer Ravioli) sind und wie man sie zubereitet. Den Kindern zeige ich dafür, wie man Pfannkuchen macht und lade sie auf den ersten Schokopudding ihres Lebens ein – das Pulver dafür habe ich aus Deutschland mitgebracht.
Viel zu schnell vergehen die Wochen, und als ich Anfang August schließlich weiterreise, fällt der Abschied schwer. Die Kinder sind mir ans Herz gewachsen, und ich habe mich an den gemeinsamen Tagesablauf mit ihnen gewöhnt. An meinem letzten Tag wird das Stück, an dem wir so lange geübt haben, aufgeführt. In den Gesichtern der Kinder zeigt sich ihre Anspannung, aber auch ganz viel Freude und ein gewisser Stolz. Theaterspielen – das hat keines von ihnen bisher gemacht! Als ich gehe, weiß ich, dass wir viel voneinander gelernt haben. Nicht nur Englisch oder ein paar Brocken Ladakhi.
