Reinhard und Marianne Athenstaedt-Stiftung

Archiv

Bericht über unseren Besuch der SECPAD-School 2010

Hildegard und Karlheinz Kaminski, Langen

Seit einigen Jahren verbringen wir regelmäßig einige Wochen in Zanskar. Wir unterrichten an der SECPAD-School, machen Lehrerfortbildungen und kümmern uns um die Bibliothek und die Naturwissenschaftssammlung.

Am 06.07.2010 flogen wir nach Delhi, wo wir einen Tag Aufenthalt dazu nutzten gemeinsam mit Stanzin Chostak, einem Sohn von Sonam Namgyal, bei diversen Verlagen Schulbücher zu kaufen. Am 08.07. ging es dann mit vierstündiger Verspätung weiter nach Leh und ins Jigmet-Gh. Das Gh bot ein vollkommen neues Bild: das schöne, alte Haus war abgerissen und ein Neubau in Arbeit, was in unseren Augen sehr schade ist. So wird speziell in Leh ein altes, traditionelles Haus nach dem anderen dem Profit geopfert und durch einen gesichtslosen Neubau ersetzt.
Die nächsten zwei Tage dienten der Akklimatisation, wir nutzten sie um Freunde zu besuchen und Großeinkäufe zu machen, unter anderem kauften wir 100 Sonnenbrillen für die älteren SECPAD-Schüler.
Am Sonntag, dem 11.07. ging es dann endlich Richtung Zanskar, gemeinsam mit Mr. Namgyal, der uns schon am Flughafen empfangen hatte. Die Nacht verbrachten wir in seinem Haus in Kargil und erreichten am Montagabend müde P'kongma. Wir bezogen das Zimmer auf dem Dach des Hauses und fühlten uns, wie immer, gleich zu Hause.

Wir gönnten uns einen Tag zum Ausruhen, am Mittwochmorgen fuhren wir aber dann endlich zur Schule. Hier wartete eine Überraschung auf uns: alle Schüler standen in zwei Reihen, bildeten eine „Katakh-Gasse“, und begrüßten uns mit lautstarken „Jullays“. Vor lauter Rührung haben wir vergessen zu fotografieren. Wir waren glücklich unsere Kollegen, die uns inzwischen zu Freunden geworden sind, wiederzusehen und natürlich auch die Schüler. Im Kollegium hat es einige Veränderungen gegeben: Mr. Wangyal ist aus den Winterferien nicht zurückgekommen, Mr. Jehan ist in Jammu, seiner Heimat, geblieben, und Mr. Zangpo hat eine Stelle an einer Governmentschule bekommen. Neu hinzugekommen sind Mr. Lobzang Dorjay, Mr. Stanzin Chospel, Mrs. Stanzin Yeshi, Mrs Rajni Devi, und Mrs. Jigmeth Angmo.
Neu ist ebenfalls, dass Lehrer des Handycraftcenters z.B. Kunst, Tanz und Stricken unterrichten, sodass jetzt der kreative und handwerkliche Bereich ausgebaut wird.

Die Anzahl der Schüler beträgt momentan 181, viel zu viele. Die Klassenräume sind so klein, dass nur für maximal 16 Schüler ein qualitativ guter Unterricht gewährleistet werden kann. Ein entsprechender Beschluss wurde in einer Lehrerkonferenz gefasst und dem SECPAD- Komitee vorgelegt. Außerdem wurde beschlossen das Alter der Schüler, die im Hostel leben, auf mindestens 8 Jahre festzulegen und nur so viele Schüler aufzunehmen, dass jeder ein eigenes Bett hat.

Ein Rundgang durch Schule, Hostel, Guesthouse und Principalshouse zeigte, dass der viele Schnee im Winter und der Regen im Mai/Juni erhebliche Schäden verursacht hat, die dringend behoben werden müssen. Betroffen sind besonders die Dächer der Gebäude.

Am nächsten Tag haben wir dann mit unserer „Arbeit“ begonnen: Ich habe in diesem Jahr den Englischunterricht in den Klassen 5, 6, 7 und 8 übernommen, während Karlheinz sich gemeinsam mit Mr. Sharma, dem Principal, um die Schulorganisation gekümmert hat.

Der Unterricht hat sich während der letzten 2 Jahre qualitativ sehr verbessert. Der neue Principal legt großen Wert darauf, den Lernstoff methodisch besser aufzuarbeiten. So wird im Englischunterricht jetzt auch frei gesprochen und geschrieben und nicht nur repetiert wird. Die Schüler haben erstmals auch mit mir gesprochen und nicht nur meine Sätze wiederholt. Dadurch haben sich auch die Leistungen in den anderen Fächern sehr verbessert. Was die Pädagogik betrifft ist die Schule auf einem guten, erfolgreichen Weg.
Für die ersten zwei Novemberwochen war eine Fortbildung in der Montessorischule in Shey geplant. Leider ist diese Schule jetzt durch die Flut und eine Schlammlawine größtenteils zerstört worden.

Am Mittwoch, dem 14.07. 2010 erreichte dann „ama-le“, Frau Helene Berger, aus der Schweiz zusammen mit einer Freundin, Silvia, und Mr. Morup, dem Organisator der Mahabodi-Schule in Tingmosgang, P'Kongma. Frau Berger ist die Sponsorin des Handykraft-Centers, einem weiteren Projekt der SECPAD-SOCIETY.

Mit einem kleinen kulturellen Programm und natürlich einer großen Anzahl von Katakhs wurde Frau Berger am Sonntag vor dem Handykraftcenter begrüßt, das sie dann offiziell eröffnete. Im Center sind im Moment 3 Werkstätten - eine Zimmerei, eine Schneiderei und eine Strickwerkstatt - untergebracht, die von drei Lehrkräften betreut werden, die dann auch in der Schule unterrichten sollen. An den dort stattfindenden Kursen können auch Leute aus den umliegenden Dörfern teilnehmen.

Die Hauptveranstaltung fand anschließend auf dem Schulhof statt. Zuerst wurde von Karlheinz Kaminski unter der Aufsicht und Mitwirkung der Mönche aus dem Kloster Karsha der Grundstein für die geplante „Middaymealhall“ gelegt. Der Bau der Halle wurde aber aus finanziellen Gründen auf das nächste Jahr verschoben. Übergangsweise wird ein sog. „greenhouse“ an der Sonnenseite der Schule gebaut, das zunächst als Essensraum genutzt werden kann.
Die anschließenden Ansprachen (Mr. Namgyal, Mrs Berger, Mr. Sharma, Mr. Kaminski, Mr. Tundup Namgyal und Mr. Morup) wurden durch zahlreiche Tänze der Schülerinnen und Schüler aufgelockert. Die Qualität der Tänze hat sich durch das eifrige Engagement einer „Handycraftcenter-Lehrerin“ stark verbessert. In den Ansprachen wurde immer wieder auf die große Bedeutung, die sowohl Schule als auch Handycraftcenter für die Entwicklung der Region haben hingewiesen und in diesem Sinne wurde auch ein großes „Dankeschön“ an die Athenstaedt-Stiftung ausgesprochen.
Das sich traditionell anschließende Mittagessen wurde wieder unter der Leitung von Younten Topgyal auf gewohnt schmackhafte Weise zubereitet.
Ansonsten war in diesem Jahr das Essen wenig abwechslungsreich, da aufgrund großer Probleme in Kaschmir nur wenige Lastwagen mit frischem Gemüse Padum erreichen konnten.

Am nächsten Tag ging es wieder an die Arbeit. Karlheinz inspizierte alle Gebäude und Einrichtungen, bereitete eine Lehrerkonferenz vor und besprach mit dem „chiefaccounter“ Stanzin Jigmat die Abrechnungen und Materialquittungen vom letzten Jahr.
Derweil schrieb ich mit den Schülern Briefe für die Sponsoren, beschäftigte mich mit englischer Grammatik und erstellte mit dem 7. Schuljahr ein Fotobuch mit vielen selbstgeschriebenen Geschichten. Dieses muss ich jetzt allerdings noch zu Hause fertig stellen, da in der SECPAD-Schule z.Zt. nur ein Computer zur Verfügung steht. Im hostel soll aber ein Raum hergerichtet werden (möglichst staubfrei) mit mehreren Schülerarbeitsplätzen - besonders wichtig für die Schülerinnen und Schüler, die nach Klasse 8 weiterführende Schulen besuchen wollen. Der benötigte Strom wird von der im letzten Jahr installierten Solaranlage geliefert, die einwandfrei arbeitet und auch abends das Licht liefert.

In einer anberaumten Lehrerkonferenz (auch eine Neuerung seit dem letzten Jahr) wurden dann vom Kollegium einige Wünsche geäußert, die am nächsten Tag in einer Sitzung des SECPAD-Komitees besprochen wurden. Unter anderem wurde beschlossen, dass jeweils 2 Elternvertreter an den Sitzungen teilnehmen sollen, und dass sowohl Schule, als auch das Komitee Monatsberichte an die Stiftung geschickt werden, sodass ein besserer Informationsstand gewährleistet wird.
Große Sorgen bereitete den Kollegen die allgemeine Finanzsituation und sie waren dann beruhigt, dass die Finanzierung ihrer Gehälter und auch der Schule zunächst gesichert ist.

Außerdem wurden die Kinderlisten aktualisiert und alle Schüler und das Kollegium fotografiert.

Wir haben natürlich nicht nur gearbeitet, sondern auch gefeiert. An einem Tag sind wir alle nach der Schule nach Youlong, zum Haus von Mr. Tardot, dem Viceprincipal, gezogen. Es fand das „First-haircutting“-Fest seines jüngeren Sohnes statt, in Zanskar eines der wichtigsten Feste im Leben. Natürlich wurde viel gegessen, der Chang floss in Strömen und es wurde eine lange Nacht.

Ein weiterer Höhepunkt war das „school-picnic“ der Klassen 5 - 8. Es wurde ein Bus angeheuert, bis an die Obergrenze beladen und dann ging es in diesem Jahr nach Stagrimo. Dort wurden auf einer großen Fläche Fallschirmzelte zur Übernachtung aufgebaut und dann wurde gegessen, getrunken, gesungen und unendlich viel getanzt. Zwischendurch wurde das Kloster besichtigt und viel Sport getrieben. Am nächsten Abend ging es dann todmüde wieder nach Hause.

Viel zu schnell kam dann auch schon unser letzter Abend. Wir verbringen ihn traditionell zusammen mit den Lehrern, den peons und einigen Mitgliedern des Komitees (Tundup Namgyal, Stanzin Jigmat, Mr. Gara) in einem Restaurant in Padum. Der Abend endete mit einem Abschiedstanz und dem Austausch von Geschenken. Der Abschied fiel uns wie immer sehr schwer.

Mit unserer „Familie“ in P'konma hatten wir schon am Abend vorher bei einem Momoessen tränenreich Abschied gefeiert.

Die Rückfahrt verlief dann dramatisch: ab Basgo, ca. 40 km vor Leh, waren durch Schlammlawinen und große Wassermassen alle Brücken weggerissen. Wir mussten unseren Jeep samt Gepäck stehen lassen und zu Fuß weiterlaufen. Dabei mussten wir reissende Bäche auf Baumstämmen und Leitern überqueren, einmal auch ohne provisorische Brücke bis fast zum Bauch im Wasser, und dann kilometerweit durch Schlamm laufen, bis wir von Armytrucks bis zur nächsten fehlenden Brücke transportiert wurden. Unterwegs sahen wir immer wieder vom Schlamm eingeschlossene und zerstörte Häuser und vor allen Dingen von meterdickem Schlamm überflutete Felder und Gärten, das noch größere Problem für die Bevölkerung.
Wir waren froh, nach zwei Tagen und zwei unruhigen Nächten Leh zu erreichen.

Unser Mitgefühl gilt den vielen Menschen, die ihre Häuser, ihre Felder und Gärten verloren haben und den vielen Menschen, deren Angehörige in der Flut- und Schlammwelle zu Tode gekommen sind oder immer noch vermisst werden.
Auch hier ist unsere Unterstützung gefragt!!!

Bilder aus Zanskar 2010

© 2010 Reinhard und Marianne Athenstaedt-Stiftung