Wie gern wir das tun! Einige Regeln sollten wir aber schon kennen. Dazu gehört z.B. eine angemessene Kleidung, d.h. nicht etwa 'was Feines, sondern ziemlich bedeckt, möglichst wenig Fleisch sehen lassen (mindestens halblange Ärmel, keine kurzen Hosen)! Wir besuchen ja Buddhisten und die sind sehr keusch. Sie werden nie etwas sagen, wenn wir unpassend daherkommen - aber man will sie ja nicht beleidigen, ihre Vorstellungen, zumal die religiösen, sind nun 'mal anders und das muss man respektieren.
„Herzlich willkommen!” Mit einem fröhlichen „Julay” werden wir begrüsst, ziehen schleunigst die Schuhe aus noch bevor wir ins Zimmer gehen und bekommen dann gleich einen Katak (Ehrenschal) umgelegt.
Keiner kommt ohne ein kleines Mitbringsel, sei es ein Beutelchen mit Tsampa oder Reis, ein Stück Butter (am willkommendsten ist gelbe Almbutter!), selbstgemachtes Kleingebäck oder auch eine gekaufte Packung Keks.
In grösseren Empfangsräumen liegen ringsum an den Wänden Sitzmatten verschiedenster Qualitäten. Das fängt an mit mit einfachstem Tuch, dann kommt stufenweise etwas dickeres, es folgen wattierte Ausführungen, auf die nächsten werden einfachste Teppiche aufgelegt und zuletzt möglichst wertvolle dicke Exemplare davon, am besten aus den berühmten Werkstätten von Dharamsala.
Das für uns Überraschende ist, dass die einheimischen Besucher ganz genau wissen, auf welche Matte sie sich setzen müssen: Diesem Kult von Ausstattung und Anordnung der Sitzmatten liegt nämlich eine soziale Ordnung zu Grunde, die jeder einhält! Aus Höflichkeit setzt man sich zunächst auf die einfachste Matte, dann bugsiert aber der Gastgeber mit sowas wie „aber nein, Du musst doch bequemer sitzen!” den Besucher auf den ihm „zustehenden” Platz. „Hohe” (und ausländische) Gäste werden sofort an die besten Matten geleitet.
Auf den niedrigen Tischchen vor den Sitzmatten steht immer selbstgemachtes Kleingebäck oder Kekse, die es sogar in Padum gibt. Einheimischen Gästen wird auch heute noch viel lieber Tsampa in schönen bemalten Holzdosen angeboten, ein Mehl aus gerösteter Gerste, das man in Schälchen mit den Fingern (immer der rechten Hand!) mit Buttertee oder Yoghurt oder Chang (alkoholisches Gerstengetränk) zu greifbaren Krümeln mantscht.
Als erstes bekommt der Gast ein Glas gesüssten „Lipton-Tee” (so nennen sie schwarzen Tee) mit Milch - und danach nur noch heissen Buttertee in Minischälchen, die schon nach wenigen Schlucken immer wieder penetrant aufgefüllt werden. Wer besonders beliebt ist, bekommt noch einen Klacks Butter obendrauf - und dann heisst's aufpassen! Davon kann einem sehr schnell recht übel werden.
Wenn man zum Lunch oder Dinner eingeladen ist, verteilt die Dame des Hauses das Essen und verschwindet dann wieder, um später nachzureichen. Man isst mit einem Löffel, Gabeln gibt's nicht, ein Messer scheint nur in der Küche vorhanden zu sein. Essstäbchen sind unbekannt.
Das Essen wird gemeinsam begonnen und wer gebildet ist, legt die Hände flach aneinander und sagt (ausgesprochen:) „Gesmo dschäde dona set”, das heisst sowas wie „Lasst's Euch gut schmecken und fangt an!”
Wenn Chang gereicht wird, bekommt man ihn in Schälchen, an deren Rand oft kleine Butterstückchen kleben - das ist dann eine besondere und glückbringende Ehrung. Manchmal wird sogar Schnaps angeboten. Vor Beginn des Alkoholgenusses taucht man einen Finger in das Getränk und verspritzt so eine Kleinigkeit in die Luft: Die guten Dämonen sollen ja auch 'was haben!
Einmal wollte ich mich vor dem Haus von einer Familie verabschieden, aber die Dame des Hauses fehlte noch. Dann kam sie, mit einer Flasche „Rum” bewaffnet, nahm meine rechte Hand, drehte sie um, goss die Kostbarkeit hinein und bedeutete mir, ich sollte trinken! Sowas ist gewöhnungsbedürftig, ich war perplex, vergass trotzdem Gott sei Dank die Dämonen nicht. Der Schnaps verteilte sich dann gleichmässig auf Mund und Kleidung, aber alle waren freudig zufrieden.
Es empfiehlt sich, die Leute nicht mit zuviel Fragen zu löchern. Natürlich bekommt man immer eine Antwort, es fragt sich nur, ob und wieviel Richtiges man erfährt. Schon das meist beiderseits nicht ganz einwandfreie Englisch kann bei Frage und Antwort zu Missverständnissen führen. Viel besser ist, zu beobachten und dann langsam Zusammenhänge zu erkennen. Das bewahrt vor unangemessener Gewichtung und vorschnellem Urteil. Die Welt dort oben ist dermassen anders als unsere, dass wir uns ihr nur sehr bescheiden und einfühlsam nähern müssen, um sie auch nur in kleinen Teilen einigermassen zu begreifen.
Noch eine kleine Sache zum Thema Höflichkeit möchte ich erzählen: In Ladakh und Zanskar bin ich meist nur als „Madam” bekannt. Eines Tages sagt einer „Madamle” zu mir! Wie das denn? Bei uns ist das im schwäbischen Raum eine liebevolle Verkleinerung, das können meine Freunde dort oben doch nicht kennen! Des Rätsels Lösung: Die Nachsilbe „-Ie” an einem Namen wird besser „-Iay” geschrieben und drückt Hochachtung und Ehrung aus! Sowas muss man halt wissen. Jeden Tag lernt man Neues dort oben und das ist gut so.
Übrigens scheint es einen Höflichkeitskodex für Briefe zu geben: Nicht nur, dass man an besonders Geehrte dieses „lay” an den Namen anhängt. So gut wie kein Brief beginnt ohne folgenden Satz: ”May these lines of mine find You in best of health and spirit by the grace of Lord Buddha!