Reinhard und Marianne Athenstaedt-Stiftung

Beflaggtes Bauernhaus („Wimpelhaus“, Saboo Phoo)
Beflaggtes Bauernhaus
(„Wimpelhaus“, Saboo Phoo)

Teza: verhärmter Vater von Stanzin Nidon, D/O Thuptan Rigzin
Teza: verhärmter Vater von Stanzin Nidon, D/O Thuptan Rigzin

Padum: „Steinhaufen“
Padum: „Steinhaufen“

Padum: „Lehrergasse“
Padum: „Lehrergasse“

Lehmziegel-Herstellung in der SECPAD-Anlage
Lehmziegel-Herstellung in der SECPAD-Anlage

Nass-Schnee / P. Kongma
Nass-Schnee / P. Kongma

Privatraum im Changtang-Restaurant mit Wasser-Auffangkesseln nach Nass-Schnee
Privatraum im Changtang-Restaurant mit Wasser-Auffangkesseln nach Nass-Schnee

Holzdecken-Konstruktion
Holzdecken-Konstruktion

Teza: Familie vor dem Haus von Stanzin Nidon, D/O Thuptan Rigzin
Teza: Familie vor dem Haus von Stanzin Nidon, D/O Thuptan Rigzin

Teza: Treppenhaus von Stanzin Tonyod, S/O Sonam Dorjay
Teza: Treppenhaus von Stanzin Tonyod, S/O Sonam Dorjay

Nurla: Gästeraum im Haus von Wangchuk Fargo
Nurla: Gästeraum im Haus von Wangchuk Fargo

Stakna: Küche
Stakna: Küche

Besuche bei Bauern sind immer mit einem neugierig prickelnden Vorvergnügen behaftet. Beim Wohnen gibt es wieder einige deutliche Unterschiede zwischen Ladakh und Zanskar, die Bauweise mit Flachdächern ist aber überall gleich.

Wie erwirbt man Grund und Boden für ein Haus, wenn kein Eigenbesitz da ist? Man sucht sich einen Platz aus, möglichst nahe an trinkbarem Wasser, und legt grössere Steine drum 'rum. Dann ermittelt man, ob dieses Stück Brachland schon jemandem gehört oder fragt den Verwaltungsbeamten, ob die Gemeinde eine Bebauung vorhat. Wenn der Platz frei ist, wird er dem Antragsteller als Eigentum zugeschrieben - und das kostet überhaupt nichts! Die Gemeinde ist ja froh, wenn einer mehr da ist, das Gebiet bewohnbar zu machen. In Ladakh geht das sogar so weit, dass die Gemeinde an einigen Wochentagen mit LKWs kostenlos Trinkwasser anliefert, wenn in einem Geröllgelände mehrere neue Häuser gebaut werden.
Hohe Lama's ermitteln, ob der für ein neues Haus gewählte Platz auch astrologisch günstig ist; sie bestimmen den Baubeginn und wenn es sich um ein grösseres Objekt handelt, wird ein Grundstein nach tantrischem Ritus gelegt. Selbstverständlich wird der fertige Bau gesegnet, bevor man einzieht.
Die Häuser werden fast immer stückerlweise errichtet: Zuerst Souterrain und Erdgeschoss mit tragfähigen Wänden, weil später, wenn die übliche Grossfamilie wächst oder es sonst nötig wird, oben jeweils nur soviele Räume draufkommen, wie man grade braucht.
Praktisch jeder Raum hat eine kleine Abzugsöffnung in der Decke, die man meist gar nicht sieht; man entdeckt das erst, wenn man auf das Flachdach steigt (wo gern übernachtet wird, nur auf einer Matte). Dort gibt es nur ein grosses Loch, das ist der verräucherte Küchenabzug, in alten Häusern dort dann die einzige Licht- und Luftquelle; im Winter legt man nur ein bisschen Strauchwerk gegen den schlimmsten Schnee drüber, ganz abdecken geht ja nicht.
Natürlich stellt man sein Haus am liebsten ins Grüne - das ist aber rar und so findet man Häuser und ganze Ortschaften oft im Schotter oder auf Anhöhungen, wo keine Felder anzulegen sind. Padum, der Hauptort von Zanskar, ist in ein Steingewirr gebaut, manchmal sind Felsen in die Häuser integriert. Padum wirkt wie ein ungeregelter Steinhaufen, es gibt nur eine Stelle, die man als Gasse bezeichnen könnte - die geologischen Verhältnisse lassen keine ordentlichen Strassen zu (wozu der Ort auch viel zu klein wäre), nur einen abschüssigen Marktplatz haben sie dem Gelände abgetrotzt.
Ungebrannte grosse Lehmziegel sind das Baumaterial, leicht und billig herzustellen: Lehm gibt's überall, man teigt ihn an, füllt den Brei in Holzformen, die Sonne trocknet gratis und der Bau kann beginnen. Übel wird das bloss, wenn's längere Zeit tüchtig regnet. Die Gegend war ja bisher ein reines Trockengebiet, aber die Klimaänderung macht auch vor Ladakh und Zanskar nicht halt und die Lehmkonstruktonen sind der Nässe nicht gewachsen: Es trieft von oben in die Räume und wenn die Aussenwände schwarz werden von aufgesogenem Wasser, muss man anderswo Unterschlupf suchen, schon manches Haus ist zusammengesackt. Kaum einmal sieht man ein Haus aus Steinen, obwohl doch so viele davon rumliegen - aber es ist halt sehr mühsam und kräftezehrend, sie so zu zerschlagen, dass man sie verbauen kann.
Bei den Zimmerdecken wird's dann teurer, sie sind aus Holz, das es ja in Zanskar nicht gibt und importiert werden muss. Die Decken sind oft mit Tüchern abgehängt gegen Ungeziefer, das sich gern in den Ritzen einnistet - das hilft aber auch nicht immer ...
Schränke findet man nicht in den Zimmern, nur kleine flache Mauernischen, die Habseligkeiten werden in Kisten aufbewahrt.
Wasser muss in Eimern, heutzutage auch in Kanistern, ins Haus gebracht werden. Die ganze Familie macht das, abwechselnd nach Bedarf oder zusammen im Gänsemarsch. Schon die Kleinsten müssen schleppen, sind aber ganz stolz, wenn sie am Schluss mit einem schweren 3-Liter-Kanister daherkommen dürfen.
Mit der Stromversorgung ist das so 'ne Sache: Noch 2003 gab es drei Generatoren a 60 kW in ganz Zanskar, die angeblich von 19-23 Uhr Strom liefern (ein Wasserkraftwerk in Sani wird seit 1992 nicht fertig ...). Diese Generatoren sind aber oft kaputt, dann muss eben eine Petroleumlampe herhalten oder Kerzen, auch die traditionellen Butterlämpchen holt man wieder 'raus, bis ein Fachmann den Schaden repariert - der aber aus Kargil geholt werden muss. Ich lebe oft in einem grossen Bauernhof nahe an einem Kloster, in dem einer der drei Generatoren steht. Die Mönche bemühen sich, das Gerät anzuwerfen und wenn das klappt, wird's mehr oder weniger hell bei den Bauern; gehen die Mönche schlafen, wird der Strom eben abgeschaltet. Lichtschalter oder gar Steckdosen gibt es zumindest in diesem Bauernhaus nicht. Elektrogeräte (Rasierer!) sollten Besucher also am besten gar nicht mitbringen und wer Akku's z.B. von Filmkamera's usw. aufladen muss, kann in Schwierigkeiten kommen.
Das Leben findet auf dem Fussboden statt, gute Räume sind oft mit Tüchern ausgelegt, wer sich's leisten kann mit Teppichen und zum Sitzen und Schlafen gibt es Matten verschiedener Qualitäten - was sich für Gäste als von wichtiger Bedeutung erweist. Wo gegessen wird, steht vor der Sitzmatte ein ganz niedriges traditionelles Klapptischchen.
Im Winter ziehen sie um ins Souterrain, weil es dort wärmer ist - in den Nächten wird es dann bis zu -40 °C kalt. Auch das Vieh kommt dort in eigenen Räumen unter. In den Räumen herrscht dann eine Temperatur von ~ -17 °C und nur in der Küche wird's dann beim Kochen mit -3 °C „gemütlich” warm ...!
Wenn man nun so ein Haus betritt, heisst's von Anfang an Aufpassen, Kopf einziehen! Meistens wird man über eine stockfinstere Treppe mit unerwartet hohen Stufen geführt. Während die Besuchten wie Gazellen schnell drüber weg huschen, empfiehlt sich für unsereinen der „Zanskar-Gang”: Langsam vorwärts tasten mit den Füssen, mit beiden Armen nach vorn, seitlich und oben prüfen, ob nicht ein Hindernis oder eine Ecke droht!
Wenn wir uns dann durchgetastet haben, kein Fuss verstaucht ist und möglichst ohne Beulen und Schrammen oben ankommen, werden wir freudig in Empfang genommen. Betuchtere Ladakhi und Zanskari haben zum Empfang von Gästen und zu Besprechungen einen recht grossen Raum, dessen Stützbalken vielfach wunderschön bemalt sind. In solchen Häusern ist die Küche reich mit edlem Geschirr bestückt, der Ofen trägt die acht buddhistischen Glückszeichen, während die Küche der einfacheren Leute oft recht erbärmlich ist.
Seit einigen Jahren geht man dazu über, die oberen Räume mit grossen unterteilten Glasfenstern auszustatten, um das viele Sonnenlicht als Wärme einzufangen. Es ist aber riskant, die Scheiben heil in 14 Stunden von Kargil über die Schotterstrasse zu bugsieren. So manche kommen zerbrochen an, das teure Material muss trotzdem verwendet werden und so klebt man's halt mit Leukoplast wieder zusammen! Ein weiteres Problem ist, dass diese grossen Fenster des Oberstocks nicht zu öffnen sind. Von innen kann man sie ja sauber machen, aber von aussen kommt man halt nicht 'ran und so werden sie leicht wie Milchglas ...
Aber das ist ja nicht so wichtig, Hauptsache diese teure neue Mode macht warm.

Es gibt ca. 26 „Dörfer“ in Zanskar, darunter Kleinstgruppierungen von nur wenigen Höfen. Grössere Orte haben einen „Headman“, der auch die verstreuten Gehöfte der weiteren Umgebung vertritt. Läden und Restaurants darf man in keinem der Dörfer erwarten. Die Bauern sind ja bezüglich Ernährung und Kleidung Selbstversorger, das Übrige besorgen sie sich in Padum oder Kargil oder Leh. Ausländische Besucher tun also gut daran, alles dabei zu haben, wovon sie meinen, dass sie es brauchen!

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