Zeit ist weder lieb noch kümmert man sich da oben um sie - komisch, dass die Deutschen sie so ernst nehmen!
Lebensrad
Daten werden von Lamas (hochrangige Mönche) astrologisch ermittelt und an das Volk weitergegeben. Sie errechnen nicht nur, wann z.B. Aussaat und Ernte oder eine Reise, eine wichtige Zusammenkunft zu beginnen hat oder eine Puja (Andacht), eine Opferung oder eine Feier usw. stattfinden soll. Sie finden auch heraus, ob ein Jahr 11 oder 12 oder 13 Monate hat. Daraus ergibt sich ein tibetischer Kalender und deshalb wissen die Zanskaris oft nicht so recht, wie alt sie eigentlich sind; einmal bekam die Autorin die Antwort „zwischen 31 und 33 Jahre!“.
Es wird jedem empfohlen, der sich nach Ladakh oder Zanskar aufmacht, sich dort bei eventuellen Terminabsprachen zu erkundigen, mit welchem Kalender der einheimische Partner arbeitet. Folgendes ist der Autorin passiert: Ich bat jemanden, mich an einem Freitag den ... mit dem Jeep von einem abgelegenen Berghof abzuholen, was der Angesprochene in seinem Terminkalender notierte. Es kam niemand, am Sonntag kam ich anderweitig zurück und stellte den guten Mann zur Rede - der war ganz konsterniert, sah in seinem Kalender nach und sagte „Ja soweit sind wir doch noch gar nicht!“
An einem Pass wollte ein einheimischer Freund Gebetswimpel opfern, suchte vorher in seinen Taschen und fragte mich dann, ob ich wohl einen tibetischen Kalender dabei hätte - hatte ich nicht. Deswegen unterblieb das Opfer: Lieber nicht opfern als an einem ungünstigen Tag!
Pünktlichkeit ist so eine Sache. Zwar haben zumindest die jüngeren Männer meist eine Armbanduhr, aber die gehen meist nicht, weil es keine mechanischen sind und Batterien gibt's in Padum (Hauptort von Zanskar) nicht. „Warum haben Sie die dann um?“ „Na das muss man heutzutage doch haben!“
Ein Lehrer aus Zanskar wurde einmal von französischen Kollegen zu einer einschlägigen Studienreise für drei Wochen nach Frankreich eingeladen. Sie haben ihm schon beim Empfang ganz stolz einen Terminkalender überreicht, vollgepropft mit minutiös aufgeführten Daten all der schönen Veranstaltungen, die sie für ihn arrangiert hatten. Als ich ihn später fragte, wie es ihm denn gefallen hat in Frankreich, hat er gesagt: „Nie wieder Europa!” Es kam 'raus, dass es am laufenden Band Ärger gab, weil er einfach nicht pünktlich war - einmal hatte er sogar einen Flug verpasst......
Ich habe den Eindruck, dass es einen Begriff wie „pünktlich“ im Wortschatz der Zanskari vielleicht gar nicht gibt. Da oben ist kaum einer pünktlich und das wird auch gar nicht übel genommen. Man wartet eben.
Und so gehört Geduld zu den wichtigsten Tugenden, die man nach Zanskar mitbringen muss. Warten, warten und immer wieder noch länger warten ohne grantig zu werden, heisst die Devise. Sie meinen's ja nicht schlecht, jeder ist Warten gewöhnt - und was ist schon Zeit? Während des Wartens kann man ja beten und das mögen sie zu jeder Zeit. Ist das bei den fremden Besuchern etwa anders?